Wieder Licht ins Leben gebracht

 
 

Nachbar in Not

 

Sozialfonds "Nachbar in Not" leistete heuer in 60 Fällen Hilfe



Eichstätt (EK) Der von Lehrern und Schülern des Willibald-Gymnasiums initiierte Sozialfonds "Nachbar in Not" ist inzwischen aus der Unterstützung für sozial schwache Menschen nicht mehr wegzudenken. Allein in diesem Jahr wurde 60-mal Hilfe geleistet; 15.000 Euro gingen an Menschen in Not.

Dabei helfen oft schon überschaubare Summen: Ein Jugendlicher ist nicht in der Lage, die Fahrtkosten von der Wohnung zur Lehrstelle zu zahlen. Eine alleinerziehende Mutter kann die Kaution für die neue Wohnung nicht zahlen. Eine andere alleinerziehende Mutter hat nicht das Geld, um den Eigenanteil für die dringend benötigte Zahnbehandlung ihres behinderten Kindes begleichen zu können.

"Nachbar in Not" springt - in Zusammenarbeit mit der Caritas - dann ein, wenn alle anderen staatlichen Stellen nicht greifen. Wenn es brennt, steht die nötige Summe sogar innerhalb weniger Stunden zur Verfügung.

 

Manchmal liest sich der Tätigkeitsbericht des Sozialfonds „Nachbar in Not“ für das Jahr 2015 wie eine Ansammlung von Horrorvorstellungen: Unterstützung für die Bestattung einer Totgeburt, weil das junge Ehepaar die Kosten nicht tragen konnte; teilweise Übernahme der Zahnarztkosten für ein behindertes Kind, da dessen allein erziehende Mutter nicht in der Lage war, den Eigenanteil zu stemmen; Unterstützung einer Familie, die nach einem (unverschuldeten) Wohnungsbrand ihren gesamten Besitz verloren hatte.

In diesen und weiteren 56 Notsituationen (Stand Ende November) linderte der Sozialfonds Not, für die sich offizielle Institutionen nicht zuständig fühlen.

Dass der Sozialfonds einmal derartige Dimensionen einnehmen würde, hatten sich Willy Scherer und der inzwischen verstorbene Dieter Eichiner nicht träumen lassen, als sie am Willibald-Gymnasium im Jahr 2007 im Anschluss an eine Weihnachtsaktion beschlossen, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die es sich zum Ziel setzt, Armut sozusagen vor unserer Haustür zu bekämpfen.

Und dass viele Familien und vor allem Frauen auch bei uns in prekärer Situation leben müssen, zeigt ein Blick in die Statistik: Seit seinem Bestehen hat der Sozialfonds in 435 Fällen über 108 000 Euro an Bedürftige ausbezahlt. Und man mag gar nicht glauben, welche scheinbar banalen Anlässe zum Problem werden können: Manchmal sind Jugendliche nicht in der Lage, die Fahrtkosten zur Lehrstelle oder zur Schule zu übernehmen, so dass die Schaffung einer eigenen Existenz auf dem Spiel steht. Immer wieder wird die Anschaffung von Unterrichtsmaterial zum Problem.

Hans Wiesner, der bei der Caritas für die allgemeine Sozialberatung zuständig ist, bestätigt, dass verstärkt Anträge gestellt werden, die Energie- und Mietschulden betreffen. Stromsperren müssen abgewendet und Zuschüsse für die Reparatur von Haushaltsgeräten geleistet werden.

In einem anderen Fall flüchtete eine Mutter mit ihren Kindern nach wiederholter Misshandlung durch ihren Ehemann völlig mittellos aus der gemeinsamen Wohnung, so dass ihr der Fonds die Anschaffung der allerwichtigsten Haushaltsgeräte ermöglichte. Einer alleinerziehenden Mutter wurde (wegen Eigenbedarf) durch den Eigentümer gekündigt; der Bezug einer neuen Wohnung scheiterte zunächst daran, dass sie die Kaution nicht aufbringen konnte. Gerhard Bauer, Leiter der Caritas-Stelle Eichstätt, ist deswegen auch besonders froh, mit dem Solidarfonds von „Nachbar in Not“ auf einen finanziellen Topf zurückgreifen zu können, der dann einspringt, wenn alle anderen staatlichen Stellen nicht greifen. „Wenn es sein muss, stellen wir in akuten Fällen die notwendige Summe innerhalb weniger Stunden zur Verfügung.“

Generell prüfen die Mitarbeiter der Caritas in Eichstätt unter Wahrung der Anonymität des Antragsstellers die Bedürftigkeit, eine Rücksprache mit dem Willibald-Gymnasium erfolgt nur dann, wenn die Unterstützung den Förderbetrag von 300 Euro übersteigt. Gleichzeitig bemühen sich die Verantwortlichen dort unermüdlich darum, weitere Summen zu akquirieren. Das geht vom obligatorischen Kuchenverkauf in der Aula der Schule am Elternsprechtag über Spendenläufe bis zu Flohmärkten wie dem, der kürzlich am Pater-Philipp-Jeningen-Platz abgehalten wurde.

Wie sehr sich die Schüler des Willibald-Gymnasiums inzwischen mit „ihrem“ Sozialfonds identifizieren, konnte man daran ersehen, dass sich am ersten Adventssamstag trotz heftigen Schneetreibens etwa 30 Schüler eingefunden hatten, um Bücher, DVDs, Spiele, Weihnachtsschmuck oder auch Plätzchen zu verkaufen und kostenlosen Tee auszuschenken.

Daneben hat sich ein Unterstützerkreis gebildet, der monatlich eine Summe überweist, die jeder Gönner selbst festlegt. Ein Großteil dieser Spenden fließt in das Stammkapital, das von der Sparkasse Eichstätt zu vorteilhaften Bedingungen verzinst wird. Seit Kurzem wird daneben ein Fonds angespart, der für unvorhersehbare Notfälle vorgehalten wird.

Der gute Ruf des Sozialfonds hat sich in den Jahren seit seiner Gründung herumgesprochen und nicht ohne Stolz fügt Willy Scherer hinzu: „Die Leute wissen, dass jeder Euro bei den Bedürftigen ankommt.“ Deswegen suchen in jedem Jahr die Vertreter verschiedener Gruppierungen das WG auf, um ihre Erlöse aus Weihnachtsfeiern, Verlosungen, Betriebsfesten, Schafkopfturnieren oder Fastensuppenessen persönlich zu überbringen.

Eine neue Gruppe von Hilfsbedürftigen hat sich in jüngster Zeit durch die steigende Zahl der Asylbewerber ergeben, die die Stiftung gelegentlich ebenfalls unterstützt. Hier wurden in der Vergangenheit die Kosten für die Beschaffung eines Reisepasses oder Lernmaterialien für Deutschkurse übernommen. Eine Frau aus Tansania zum Beispiel macht jetzt nach einem Praktikum in einem Altenheim eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Ihr wurde eine Unterstützung für notwendige Bücher und die Prüfungsgebühren gewährt.

Der Ansatz von „Nachbar in Not“ besteht darin, mit der Übernahme einer Zahlung eine Perspektive zu schaffen, um auf diese Weise einen Weg aus der Notlage anzubahnen. Dass dieses Ziel in vielen Fällen erreicht wird, zeigt das Beispiel eines Rentnerehepaares. Als für die Ehefrau wegen ihrer extremen Sehbehinderung eine dringende Augenoperation anstand, finanzierte der Fonds einen Teil der Kosten für die Voruntersuchung, den die Krankenkasse nicht übernahm. Die Operation ist geglückt und freudestrahlend berichtete der Ehemann, dass auf diese Weise „Nachbar in Not“ – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder „Licht in unser Leben gebracht hat.“

Von Johann Kraus