Die Geldpolitik des Eurosystems in der europäischen Staatsschuldenkrise

 

Enteignet die aktuelle Nullzinspolitik der EZB (Europäische Zentralbank) die deutschen Sparer? Dieser Frage im Zusammenhang mit der Geldpolitik der EZB ging am Donnerstag Helmut Wahl von der Deutschen Bundesbank mit den Schülerinnen und Schülern der Wirtschaftskurse der Q12 nach. „Hohe Nominalzinsen bedeuten nicht gleich hohe Realzinsen“, argumentierte Wahl und zeigte auf, dass neben der Verzinsung der Spareinlagen auch die Inflationsrate betrachtet werden muss. Und letztere ist momentan ebenfalls niedrig, so dass die Realverzinsung mit früheren Jahren mit hoher Nominalverzinsung vergleichbar ist.


 

Zudem sind die privaten Haushalte nicht nur Sparer, sondern auch Kreditnehmer, die von den niedrigen Zinsen profitieren. Ebenso wird der Staatshaushalt durch die sinkende Durchschnittsverzinsung entlastet, was den Spielraum für Staatsausgaben, die letztendlich dem Bürger zu Gute kommen, erweitert. Informiert euch und bildet euch ein eigenständiges Urteil“, so der Rat Wahls an die Zuhörer.


Die „Politik des billigen Geldes“

 

Negative Auswirkungen hat die aktuelle „Politik des billigen Geldes“ vor allem auf die Profitabilität der Banken, deren Zinsmarge zunehmend unter Druck gerät. Auch die Rendite von Lebensversicherungen nimmt ab, sodass Probleme wegen langfristiger Zinsgarantien zunehmen und eine Anpassung durch risikoreichere Portfolien folgt. Auch auf dem Wohnimmobilienmarkt sind Auswirkungen spürbar: Vor allem in Ballungsgebieten sind kräftige Preisanstiege zu verzeichnen. Schließlich aber vermindert die expansive Geldpolitik der EZB den Druck auf die europäischen Regierungen, notwendige Reformen umzusetzen.

 

Wie geht es weiter?

 

Aufgabe der Geldpolitik sei die Sicherung der Preisniveaustabilität im Euroraum, erklärte Herr Wahl. Fiskal-, Sozial- Lohn- und Arbeitsmarktpolitik sei hingegen Aufgabe der Regierungen der Mitgliedsstaaten. „Die Geldpolitik kann Zeit erkaufen, aber strukturelle Ursachen der Krise nicht beseitigen“, so Herr Wahl. Die Politik muss die notwendigen Reformen durchführen und die Wachstumskräfte im Euroraum stärken. Erst dann können auch die (Notenbank-) Zinsen wieder steigen. Doch je länger die ultraexpansive Geldpolitik andauert, umso geringer wird deren Nutzen und umso mehr nehmen die Risiken zu. Um viele Erklärungen und wichtige Informationen reicher sind hingegen die Schülerinnen und Schüler. Die Kursleiterinnen, Frau Kettner und Frau Liebl, freuten sich, dass wieder einmal ein Fachmann aus der Praxis für einen Expertenvortrag am Willibald-Gymnasium gewonnen werden konnte und bedankten sich herzlich bei Herrn Wahl für die fundierte Darstellung.


Text: Eva Liebl

Fotos: Andreas Graf