„Wir sind einfach nur dankbar“

 

Wenn siebzig Schülerinnen und Schüler eine Doppelstunde lang gespannt zuhören, dann muss jemand schon gut sprechen können. Genau dies war der Fall, als Anfang Februar die deutsch-iranische Kinderbuchautorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani am WG zu Besuch war.

Aber was heißt schon Autorenlesung: Zwar sprach Zaeri-Esfahani über ihr preisgekröntes und mehrfach ausgezeichnetes Buch „33 Bogen und ein Teehaus“, aber das Vorlesen kam hier Gott sei Dank zu kurz, denn die Autorin ist eine begnadete Erzählerin: Knapp 90 Minuten berichtete sie in bilderreicher Sprache und mit ausdrucksstarker Gestik von der Flucht ihrer gesamten Familie im Jahre 1985 aus dem Iran nach Deutschland.

„Gerade ihre Erlebnisse auf der Suche nach einer neuen Heimat, die sie teils in lustige Anekdoten verpackt haben, zeigen uns, dass vieles, was für uns normal, ja selbstverständlich ist, Menschen aus einem anderen Kulturkreis völlig befremdet“, sagte Religionslehrerin Ulrike Laumeyer, die über das Flüchtlingsreferat der Malteser in Eichstätt diese Begegnung organisiert hatte. „Jetzt freue ich mich darauf, dass Sie uns über Ihre Bücher und ihre Geschichte einen anderen Blickwinkel auf unser Leben und unseren Reichtum an Frieden und Freiheit eröffnen“, sagte Laumeyer zur Eröffnung der Lesung.

Zaeri-Esfahani beginnt mit dem Iran ihrer Kindertage. Es erinnert an ein Märchen aus tausendundeiner Nacht: Prinzessinnen, große Gärten, Geschwisterspiele, Tiere und eine Revolution. Sie erzählt, wie sich anfangs viele Iraner und auch sie selbst mit hineinnehmen ließen in den Strom der Begeisterung. „Wie wäre das für euch, wenn ihr keine Hausaufgaben mehr machen müsstet und nachmittags Lasertag spielen dürftet?“, konfrontiert sie die Schüler. Da wird plötzlich jedem klar, welch eine Herausforderung es ist, Distanz zu wahren und kritisch zu bleiben.

Der Schein trügt. Nach und nach wird alles verboten, was Spaß und Freude macht: Kartenspielen, Lesen, sich mit Freunden treffen, Fahrradfahren, Lippenstift.

Von den gemeinsamen Abenden mit Verwandten und Freunden, vom Bücherlesen und Kartenspielen zu Hause darf niemand erfahren. Lügen wird überlebenswichtig auf der Straße und in der Schule. „Man muss diese Menschen mit ihren eigenen Waffen schlagen und ihnen immer ein Stück voraus sein. Dazu braucht es Bildung“, ist die Referentin überzeugt. Die kleine Mehrnousch schlägt die „Wächter“ mit ihrer Fantasie, mit immer neuen Geschichten und mit ihrem Durst nach Wissen.

 

Aber Spitzel, Verbote und Kleidervorschriften, alle Selbstjustiz und Einschränkungen reichen nicht für eine Flucht, bei der man Freunde, Heimat, Verwandte und Reichtum aufgibt. Erst wenn Menschenleben in Gefahr sind, dann packt man die Koffer. Ein neues Gesetz verpflichtete damals alle 15jährigen Jungen zum Militärdienst, Kanonenfutter in der ersten Reihe. Ihr großer Bruder war 14,5 Jahre alt.

Besonders eindringlich schilderte sie die einzelnen Etappen ihrer Flucht, bei der sie damals zehn Jahr alt war. Sie starteten im Iran und kamen über die Türkei und die DDR nach Deutschland. Glücklich am Ziel erwarteten die Familie ungewöhnlich kalte Wintertage und menschenleere Straßen. „Mein kleiner Bruder dachte, die Deutschen seien von Aliens entführt worden“, erzählt sie schmunzelnd in der Erinnerung an die Stille auf den Straßen, die so ganz anders sei als das wuselige Stadtleben im Iran. Es waren aber nicht die Aliens, es war Weihnachten.

Gerne denkt sie an diese erste Zeit zurück. „Was braucht der Mensch zum Leben?“, fragt sie in die Schülergruppe. „Ein Dach über dem Kopf!“ „Wärme“ „ein Bett und etwas zu essen“ „sanitäre Anlagen und ein bisschen Kleidung“ rufen die Schüler nach vorne.

„All das bekamen wir: ein Zimmer mit drei Etagenbetten, sechs Stühle, einen Tisch mit Besteck und Teller für jeden. Wir wurden in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Ich werde nie vergessen, wie wohlwollend man mit uns umgegangen ist. Wir sind alle immer noch sehr dankbar.“

In der Rückschau vergleicht sie die Flucht aus ihrem Heimatland mit einer Amputation. „Manchmal muss man sich von etwas trennen, damit man weiterleben oder überleben kann“, sagte sie. Das sei selbstverständlich oft mit Schmerzen verbunden. Auch sie selbst litt jahrelang unter diesem Verlust, erst das Schreiben hat diese Wunden geheilt. Heute hat sie keinerlei Kontakte mehr in ihr Heimatland. „Meine Verwandten leben mittlerweile über ganz Europa verstreut“, sagte die Autorin, die nach einem Studium der Sozialpädagogik, in der Flüchtlingshilfe arbeitete und heute eine vielgefragte Referentin ist.

Bevor Frau Zaeri abschließend die Bücher der Schüler persönlich signierte, lag ihr besonders am Herzen, den Schülern zu erklären, wie wertvoll, aber auch wie verletzlich eine Demokratie ist. „Seid stolz auf die Demokratie in eurem Land. Sagt euren Eltern, sie sollen wählen gehen, damit die Demokratie nicht stirbt.“

Von Ulrike Laumeyer und Andreas Graf