Der Merkurtransit 2016

Merkurdurchgang – Faszination des Erlebnisses

 

Dass das eine unerwartet lohnenswerte Aktion am Willibald Gymnasium Eichstätt auf der Sonnenterrasse werden sollte und sogar Wolken uns so fantastische Beobachtungen ermöglichen sollten, das konnten wir nicht ahnen. Ich wollte eigentlich nur den Merkurtransit durch die „Astronomiefreunde Ingolstadt“ öffentlich beobachtbar machen.

 

Diese öffentliche Beobachtung sollte eine Kooperation mit dieser Schule versuchen, denn bei der partiellen Sonnenfinsternis 2015 stellte sie Schülerinnen, Schülern und sämtlichem Personal eine jeweils eigene SoFi-Brille und ermöglichte einigen Klassen eine Exkursion zu Fuß in die Altstadt zur damaligen öffentlichen Beobachtung [1]. Diese gute astronomische Tat wollte ich anerkennen. Auf die Anfrage wurde schnell und umfassend eingegangen: man bot uns zu diesem Zweck die von außen zugängliche Sonnenterrasse an und noch dazu ohne Beschränkung von Zuschauerzahlen.

 

Zur Prüfung des Standortes traf ich mich vor Ort mit der Physiklehrerin Frau Maren Bauer und verwendete Kompass und Sextant, sowie Positionsangaben der Sonne [2], und stellte fest, dass ab Mittag bis maximal 19.30Uhr eine Beobachtung zwischen den Bäumen möglich sein sollte. Da das Ereignisende auf den Koordinaten von Eichstätt für den Zeitpunkt des Sonnenuntergangs berechnet war, erschien mir eine Beobachtung selbst auf einer Anhöhe nur bei extrem guter Wetterlage und transparentem Himmel aussichtsreich – nicht wirklich realistisch.

 

Mithilfe der Infos auf der VdS-Internetseite verfasste ich bereits Wochen zuvor für Schulen und Presse einen Artikel, der das Himmelsereignis und die öffentliche Beobachtung ankündigen sollte.

 

Der 9.5. rückte näher und die Wetterlage schien stabil. Doch am 9. schließlich sah ich auf dem Satellitenfilm morgens bereits ein anrückendes schmales Wolkenband mit dahinter liegender Wolkenfront, die nicht langsamer werden wollten und uns im Laufe des Nachmittags erreichen würden. Wenigstens der erste Teil des Durchgangs wäre sichtbar. Schon waren die Wolken am Horizont zu sehen!

 

Ich beendete meinen Bürotag deutlich vor Mittag, erfasste noch in Ruhe die H-Alpha-Relativzahl [3], holte meine Tochter Katharina (7 Jahre) nach Schulende und unser ebenfalls interessiertes AuPair Maroua und wir fuhren zum Gymnasium. Holger war bereits gut gelaunt und fertig mit Sechs- und Zehnzöller, inklusive der am Vorabend eingenordeten Montierung, sowie Kameras und Großbildschirm zur Live-Übertragung von seinem Teleskop. Vom laufenden Unterricht war nichts zu bemerken und so konnte ich mit beiden jungen Helferinnen die bereits morgens verladenen Gerätschaften schnell in Stellung bringen: 6“ auf parallaktischer Montierung, 40mm-H-alpha-Teleskop (PST) auf Fotostativ und den kleinen Sonnenprojektor - einen 30mm Apochromat-Papp-Bausatz für 20€ [4]. Besucher waren auch noch nicht da. 13.00Uhr, Punktladung!

 

Und so konnten Holger und ich uns - die Kinder waren schon wieder am Spielen – dem 1. Kontakt widmen. Punkt 13.12Uhr MESZ war es soweit: die Sonne wurde angeknabbert. Schon war ich begeistert und dass sollte stundenlang anhalten. Und auch der 2. Kontakt wurde von Holger und mir um 13.15Uhr erkannt. Man konnte direkt die Bewegung des Merkur beobachten: er erschien klein, aber wie ausgestanzt! Die 50fache Vergrößerung stellte im 6“ einen guten Kompromiss aus Größe des Flecks und langemVerweilen im Bildfeld des 20mm-Plössl dar. Im kleinen PST war er völlig eindeutig bei 27x zu sehen. Die ganzen Erscheinungen, die im PST eigentlich sichtbar waren, nahm ich nun kaum wahr - die Betonpflastersteine blendeten fast gleißend hell. Noch während wir angeregt diskutierten, kamen die ersten Besucher und es wurde warm auf der Terrasse.

Besucherwelle

Nun ging es richtig los: Begrüßung der Gäste und ran mit ihnen ans Teleskop. Die Nachführung gelang einfach durch den Projektionsschirm am Sucher und der Markierung, wo das schwache Bild der Sonne liegen musste, wenn sie in der Mitte des Gesichtsfeldes des Okulars war. Den Sucher hatte ich aus Sicherheitsgründen mit Pappstreifen für Kopf und Augen unzugänglich gemacht. Und auch am PST erwies sich die kurz zuvor am eingebauten Sucherbildschirm direkt aufgemalte Markierung als so hilfreich, dass ich nicht selbst ins Teleskop blicken musste, um es immer wieder korrekt auf die Sonne auszurichten. Meine erst am Wochenende gebaute Gegengewichtung war am Fotostativ sehr brauchbar.

 

Der kleine Projektor verblüffte mich, denn er zeigte tatsächlich ebenfalls Merkur: zwar nur als winzigen Fleck, wenn man den Projektor leicht bewegte, aber mit einem Bleistift konnte ich ihn zeigen und er wurde immer wieder bestätigt. Nur wenn die Sonne vom Kugelspiegel heraus wanderte, gab es wieder neue Löcher in der Pappe... aber da brannte nichts an.

 

Die aktuell sichtbaren Sonnenflecken boten Anhaltspunkte, um die Bewegung des Merkur abzuschätzen: eine schöne H-Gruppe mit Umbra und Penumbra auf der Nordhemisphäre und eine C-Gruppe auf fast gleichen Längengraden. Bereits nach einer Stunde war der Abstand des Merkur vom Sonnenrand deutlich gewachsen. Mir kam das direkt unwirklich vor, hatte ich doch einen Transit vor der Sonne bislang noch nie sehen können. Die Bewegung des Mondes vor der Sonne und seine Sternbedeckungen kannte ich bereits und auch gegenseitige Erscheinungen der Jupitermonde. Heute aber war eine Bewegung eines Planeten visuell im Teleskop erlebbar! Und für Besucher zusätzlich richtig groß auf dem Bildschirm.

 

Nun zogen Zirruswolken auf und der kleine Projektor zeigte ein verschmiertes Bild der Sonne, so dass Merkur hier unsichtbar wurde. Die anderen Geräte schienen dadurch nicht so beeinträchtigt zu sein. Besucher ermutigte ich immer wieder, länger zu bleiben oder sich später nochmals einen Eindruck des gewanderten Merkurs zu verschaffen. Viele hatte genug Zeit mitgebracht und bestätigten die dadurch sichtbare Bewegung des Merkur. Plötzlich war da die Dame der Presse, die mich fragte, was es denn nun eigentlich zu sehen gab. Sie hatte ein kleines Ereignis mit einem winzigen Punkt erwartet und nun lasse sie sich mitreißen, weil ich so begeistert davon erzählte. Ich vermied zu sagen, dass die Begeisterung bei mir immer wieder vorkommt. Sicher ahnte sie das.

 

Und dann noch das: beim Blick nach oben bemerkte ich einen 22°-Ring um die Sonne – alle Augen nach oben! Hier gab es nun eine atmosphärische Erscheinung, die nicht alltäglich ist - zusätzlich zu „unserem“ Merkurtransit. Ich konnte nicht anders, als diese Besonderheit hervor zu heben. Jemand wunderte sich: „Was ihr so alles seht?!“

 

Weil das noch nicht genug war, war ein Passagierjet „durch“ den 22°-Ring geflogen und erzeugte einen Kondensstreifen, der vor die Sonne trieb und einen Schatten in tiefere Schichten projizierte, wobei wir ihn dann als unsichtbaren Saum quer über den darüber liegenden 22°-Ring sahen.

 

Fast schon geriet Merkur in den Hintergrund, da rückte die zeitliche Mitte des Ereignisses heran, als Merkur nun seinen nächsten Abstand zur Mitte der „Sonnenscheibe“ passieren sollte, doch war das nicht wirklich bewegend. Andererseits zeigte es uns, wie lange dieses Ereignis doch insgesamt dauern würde.

 

Immer wieder kamen kleine Besucherwellen und der Anteil junger Besucher war erfreulich hoch. Holger bat wartende Gäste sich auf unbesetzte Teleskope zu verteilen. Eine Dame wollte unbedingt - wie im Jahr zuvor - Sonneneruptionen sehen und durch das PST blicken, die aber vorher ohne Zirren besser sichtbar waren, doch sie war so bereits glücklich.

 

Merkur vor der Ereignismitte

In der Zwischenzeit waren weitere Astronomiefreunde erschienen. Holger erstellte regelmäßig Fotos für einen Zeitraffer, Marco schoss Bilder des Merkur durch das Okular und mit DigiCam. Mane wiederum hatte den Auszug seines kleinen Newton nach unten gedreht und projizierte auf eine schräg angelehnte kleine Tafel: genial einfach und kompakt war seine Ausrüstung. Peter und Carina, die diesmal kein Instrument dabei hatten, bedienten ab und zu meine Teleskope, während ich an meinem Sonnensystem aus Karton die derzeitige Planetenkonstellation erklärte. Und dann machte Carina auf eine linke Nebensonne in Form eines farbigen Regenbogens aufmerksam. Mit so vielen Erscheinungen hatte niemand rechnen können!

 

Zirkumzenitalbogen

Eine Besucherin brachte nicht nur ihre zwei Jungs mit, sondern auch deren kleines 76mm-f/4-Teleskop, welches sie sich erklären und einstellen lassen wollten. Holger optimierte noch am Okularauszug. Leider war am Teleskop kein Sucher vorgesehen. Ich gab ihr die Empfehlung einen kurzen dicken Strohhalm zum Peilen zu befestigen und mit geringer Vergrößerung nach den Objekten zu suchen. Weil Marco seinen Zehnzöller aufgefahren hatte, konnte ich meinen Sechszöller nun deaktivieren und entfernte den Filter. Ich befestigte ihn an dem kleinen Teleskop, damit eine erste erfolgreiche Sichtung möglich würde: so hatten die Jungs First Light mit Merkur am eigenen Teleskop!

 

Langsam fiel unser Beobachtungsplatz in den Schatten der Bäume und ein letztes Mal kam mein Modell des Sonnensystems zur Erklärung der Seltenheit eines Merkurtransits zum Einsatz. Erste Teleskope mussten umgesetzt werden. Da fiel mir ein, dass ja auch noch eine rechte Nebensonne sichtbar sein könnte und wir sahen zwischen den Bäumen wirklich einen weiteren Regenbogen. Und Peter bemerkte kurz darauf den ebenfalls deutlich farbigen Zirkumzenitalbogen! Wir hielten alles im Bild fest.

 

Kurz vor Beobachtungsende kam noch ein letzter Besucher, dem Merkur noch gezeigt werden konnte, wie er sich schon deutlich in die Nähe des anderen Sonnenrandes bewegt hatte. Eine letzte Beobachtung um 19.12Uhr erfolgte durch Zweige und Blätter, doch Merkur war noch gut sichtbar.

 

Rechte Nebensonne

Positiv bemerken möchte ich den insgesamt wirklich sorgsamen und respektvollen Umgang mit den Geräten. Zwar war ich auf Reinigen vorbereitet, doch gab es weder Wimperntusche auf den Okularen, noch Fingerabdrücke auf meiner PST-Objektivlinse, trotz z.T. auf kindgerecht reduzierter Einblickhöhe. Nur mein Modell des Sonnensystems hatte etwas gelitten: Merkur war aus seiner Bahn gerissen worden – aber wann wäre das wohl passender gewesen, als an diesem Tag?

 

Zum Ende hin herrschte eine ausgelassene Stimmung, auch bei den Kindern: wir Astronomiefreunde waren froh und stolz, eine solch gelungene Aktion auf die Beine gestellt und abgeschlossen zu haben.

Alexander Geiss, Astronomiefreunde Ingolstadt

Literaturhinweise:

[1] VdS-Journal #55, S.142f.

[2] http://www.heavens-above.com

[3] VdS-Journal #52, S.110ff.

[4] astromedia.eu

 

Abb.1: Besucherwelle (Foto: Holger Altmann)

Abb.2: Merkur vor Ereignismitte (Foto: Marco Alt)

Abb.3: Zirkumzenitalbogen (Foto: Katharina Geiss)

Abb.4: rechte Nebensonne (Foto: Peter Maier)