„Staatsfeind Nr. 1“ zu Gast

Rainer Eppelmann am Willibald-Gymnasium/Veranstaltung zum Jahrestag der Wiedervereinigung

Mit einem leidenschaftlichen Appell, sich für politische Fragestellungen zu interessieren und die Gesellschaft, in der wir leben, mitzugestalten, wandte sich der ehemalige DDR-Regimekritiker Rainer Eppelmann an die Schüler der Oberstufe des Willibald-Gymnasiums. Josef Kraus, ehemaliger Schüler des Willibald-Gymnasiums und jetziger Leiter des Maximilian-von-Montgelas-Gymnasiums Vilsbiburg, hatte durch seine Freundschaft zu ihm den Kontakt hergestellt.

Eppelmann, der inzwischen der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ vorsteht, zitierte zu Beginn aus Untersuchungen dieser Organisation, nach der ca. ein Drittel der befragten Jugendlichen nicht den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur erklären können. Zudem glaubten viele, dass derartige Fragen rein theoretischer Natur seien und das Leben des Einzelnen nicht betreffen würden. Anhand seiner eigenen Biografie erläuterte Eppelmann, wie die Diktatur des SED-Regimes ihn immer wieder daran gehindert hatte, sein Leben selbst zu bestimmen.

So ließ er seine eigene Kindheit nochmals Revue passieren, die ihren ersten entscheidenden Einschnitt erfuhr, als ihm nach dem Bau der Mauer 1961 der Besuch eines Gymnasiums in Westberlin nicht mehr möglich war. Weil er als Rekrut der Volksarmee – einen Zivildienst gab es in der DDR selbstverständlich nicht – das Anfassen einer Waffe verweigerte, musste er seinen Dienst als Bausoldat ableisten. Fortan wurde er von der Stasi beobachtet, insgesamt 43 Informanten waren bis 1989 auf seine Person angesetzt. Acht Monate verbrachte er im Gefängnis. Später – als er seine Stasi-Akte einsehen durfte – stellte sich heraus, dass es dreimal Planungen gab, ihn umzubringen.

Mit konkreten Beispielen gelang es Eppelmann bei seinem Vortrag, den Psychoterror darzustellen, dem Dissidenten wie er ausgesetzt waren. Er vermutete zwar, dass seine Post gelesen und er abgehört wurde. Trotzdem traf es ihn besonders, als er ein Mikrofon in einer Stehlampe entdeckte und feststellen musste, dass selbst die Toilette und das Schlafzimmer seiner Wohnung verwanzt waren.

Die Bewohner der DDR waren es gewohnt, eine Art Doppelleben zu führen. Nach außen vertraten viele die gewünschte Meinung, abends schauten jedoch fast alle Westfernsehen, träumten davon, einmal am Luxus des Westens schnuppern zu dürfen oder – wie zum Beispiel bei den Demonstrationen der Friedensbewegung – vom Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen zu dürfen. In vielen Menschen reifte mit den Jahren die Erkenntnis, dass man etwas tun müsse, um die Menschenrechte einzufordern, die ja in der Verfassung der DDR standen. Eine zentrale Rolle kam in diesem Zusammenhang den Kirchen zu, deren Räume einen gewissen Schutz boten. Ab den 80er Jahren stellte Pastor Eppelmann seine Kirche in Ost-Berlin für sog. Bluesmessen zur Verfügung.

Mit Beginn der Montagsdemonstrationen 1989 wagten es tausende von DDR-Bürgern, auf die Straße zu gehen, obwohl sie nicht wussten, ob sie abends nach Hause kommen oder in einer Zelle der Polizei landen würden.

Eppelmann unterstrich immer wieder die Rolle der Bürger in Ost und West, die mit ihrem Engagement die Grundlagen für die „Wende“ legten. Zudem hatte ein demokratischer Staat in Westdeutschland der Welt über Jahrzehnte hinweg gezeigt, dass nach den fürchterlichen Jahren der Nazi-Diktatur bei uns eine Demokratie möglich ist. Er appellierte eindringlich, deren Errungenschaften zu verteidigen und zu verbessern. Generell sollten die Bürger Deutschlands in Ost und West stolz sein auf die gewaltigen Leistungen, die in den letzten 20 Jahren seit der Wiedervereinigung erbracht wurden.

Die anschließende Diskussion beleuchtete in erster Linie die Zeit nach der „Wende.“ Ob er den Stasi-Mitarbeiter, der die Aktionen gegen ihn führte, getroffen habe und ob dieser Reue gezeigt habe, wollte ein Schüler wissen. Eppelmann hatte ihn tatsächlich nach der Wende wieder gesehen. Der Offizier rechtfertigte sich jedoch hochnäsig damit, dass es sich bei Eppelmann um den „Staatsfeind Nr. 1“ gehandelt habe, zu dessen „Ausschaltung“ jedes Mittel recht war.

Mit seinen Ausführungen und Appellen an die Jugendlichen hinterließ Eppelmann tiefen Eindruck bei den Zuhörern, die in fast atemloser Konzentration dem Vortrag lauschten. Daniel Scheuerer aus der 10. Klasse brachte nach einem Interview, das er mit Eppelmann für die Arbeitsgemeinschaft „Schulradio“  führte, die Stimmung der Schüler auf den Punkt: „Wenn man nur die historischen Quellen in einem Buch liest, wird einem nicht so recht klar, welche Tragweite die Ereignisse haben. Wenn aber dann ein Zeitzeuge vor einem steht und von seinem persönlichen Schicksal berichtet, berührt einen das richtig.“