Donaumoos 2009

Von Moorleichen, tückischen Bodenproben und dem Schicksal der früher armen Donaumoosler –
eine Exkursion der Klassen 11b und 11c

„Wir fahr’n ins Donaumoos!“ „Wohin?“ „Ins Donaumoos.“ „Wo is na des?“ So klang die erste Reaktion der Klassen 11b und 11c, die mit ihren Lehrkräften Michael Fink und Bernadette Zehender eine Geografie-Exkursion in das größte Moorgebiet Süddeutschlands unternahmen – und dabei liegt dieses vielen zunächst recht unbekannte Donaumoos doch direkt vor unserer Haustür. Auf den Hinweis, dass man südlich von Ingolstadt und Neuburg a. d. Donau kilometerlang durch Straßendörfer fahren könne, wusste dann doch ein Großteil Bescheid, welche Gegend gemeint war. Und so stand nur noch die Frage offen, was es dort denn zu besichtigen gebe.

Da es die Tage zuvor wie aus Eimern geschüttet hatte, machte sich die Gruppe in der Erwartung, im Moorboden zu versinken, mit Gummistiefeln und Regenschutz auf, um die nähere Heimat zu erkunden.

Erste Station der Fahrt bildete die Staustufe Bergheim. Da deren Dämme aufgrund der tags zuvor starken Regenfälle eingestaut waren, wurde während unseres Aufenthaltes gerade Wasser über das Wehr abgelassen, was eindrucksvoll die Kraft des fließenden Elements vor Augen führte. Die zur Energiegewinnung und Schiffbarmachung der Donau durchgeführte Stauhaltung brachte natürlich auch erhebliche Eingriffe in das Ökosystems mit sich. So beschränken sich die Eingriffe in den Flusslauf nicht nur auf den Bau von Staumauer und Dämmen, wodurch die Donau den Charakter eines Fließgewässers verlor, der Flusslauf erfuhr zudem eine Begradigung, was sich auf Luftbildern deutlich abzeichnet. Hier lassen sich darüber hinaus aber auch noch die ehemaligen Mäander des Stromes in den Auwäldern erkennen. Gerade die durch die Eingriffe in das Flussökosystem gefährdeten Naturräume bilden das Kernelement des Projektes „Dynamisierung der Donauauen“, das von 2000 bis 2020 verwirklicht wird. Ziele dieses Projektes sind neben einem verbesserten Hochwasserschutz die Renaturierung der Donauauen. So zählt der Auwald zwischen Ingolstadt und Neuburg zu den letzten und größten Auwaldgebieten Mitteleuropas und bildet Lebensraum für etwa 1500 Tier- und Pflanzenarten. Vor Ort konnte sich von den bereits geleisteten Bautätigkeiten ein Bild gemacht werden. Über eine Fischtreppe im südlichen Stauhaltungsdamm der Staustufe Bergheim, über teilweise künstlich angelegte Bachläufe sowie kanalisierte Bäche des nördlichen Donaumooses und Donaualtwasserarme wird Wasser in den Auwald geleitet. Daneben bewirken ökologische Flutungen, dass der Grundwasserspiegel im Auengebiet Schwankungen unterliegt, denn diese für einen Auwald notwendige Voraussetzung war mit dem Bau der Staustufe Bergheim verloren gegangen. Auch bei Hochwässern kann auf diese Weise Wasser in das Auwaldgebiet abgeleitet werden, wodurch Hochwasserspitzen abgeschwächt werden können. Insgesamt wird im Rahmen dieses Projektes die ursprüngliche Gewässerdynamik wieder weitestmöglich hergestellt.

Wenige Kilometer südlich der Donau erkennt man allein schon an dem Wechsel von braunem zu schwarzem Ackerboden, dass man im Donaumoos angekommen ist. Dieser an Friedhofserde erinnernde Boden stellt neben den kilometerlangen Straßen- oder auch Moorhufendörfern in absolut flachem Gelände sowie den Kanälen und Birken ein Charakteristikum dieser heute landwirtschaftlich kultivierten Moorlandschaft dar. Für diese naturräumlichen und kulturgeschichtlichen Besonderheiten sollte nun aus ihrer Entwicklungsgeschichte heraus eine Erklärung gefunden werden.

 Probenentnahme

Entnahme von Bodenproben

Einen Schlüssel hierzu stellte die Interpretation von Bodenprofilen dar. Neben Spaten und Bohrstock erwiesen sich nun auch Gummistiefel als zweckdienlich. Da wegen des relativ hohen Grundwasserspiegels neben einem Aufschluss mehrere Probenentnahmen erforderlich waren, um bis zum vermuteten anstehenden Schotter vordringen zu können, war zunächst körperlicher Einsatz gefordert. Dabei zeigte sich eine Entnahme als äußerst tückisch, denn trotz vereinten Kräfteaufwands ließ sich der Bohrstock nicht mehr aus dem Boden lösen. Erst die Anwendung von Eisenstange und Hebel brachte schließlich die Ursache für diese kräftemäßige Herausforderung ans Licht. Der Bohrstock war genau an jener Stelle einer Wiese eingeschlagen worden, an der früher ein mit Dachziegeln ausgebesserter Weg verlaufen war. Neben dieser überraschenden Erkenntnis brachten die restlichen Bodeninterpretationen aber Einsichten in die Entstehung des Donaumooses sowie in die seit der Kultivierung des Niedermoores bestehenden Schwierigkeiten dieser Region. Denn die Torfschichten des Niedermoorbodens sind nur bedingt für eine landwirtschaftliche Nutzung geeignet. Das Stichwort „Torfschwund“ stellt hierbei den Schlüsselbegriff des bestehenden Teufelskreislaufes dar. Wird dem Boden über die Kanäle, die das Grundwasser in die Donau ableiten, Wasser entzogen, so fällt der obere Bereich trocken, wodurch die Flächen befahrbar und bearbeitbar werden. Mit dieser Voraussetzung der Kultivierung geht allerdings die Problematik einher, dass nun der Torf durch veränderte Bodenbildungsprozesse mineralisiert wird und das nun feinkörnigere Substrat leicht mit dem Wind abgetragen wird, was zum Absacken der Böden in einer Größenordnung von 0,5 bis 2 cm pro Jahr führt. Dies erfordert wiederum eine weitere Eintiefung und Entwässerung der Gräben und Kanäle, um die ackerbauliche Nutzung aufrechterhalten zu können, was schließlich mit einer Verstärkung des Torfschwundes einhergeht. Dieses Phänomen bringt auch praktische Schwierigkeiten ganz anderer Art für die Bewohner des Donaumooses mit sich. Denn Gärten und Hofeinfahrten sacken im Verhältnis zu den Häusern, die auf Fundamenten gebaut werden, um keine Risse in der Bausubstanz zu erhalten, ab und müssen daher regelmäßig aufgefüllt werden.

Wie ein Besuch in der Umweltbildungsstätte „Haus im Moos“ zeigte, müssen sich nicht nur die heutigen Donaumoosbewohner der Herausforderung, in einem Moorgebiet zu leben, stellen. Für die Kolonisten, die im 19. Jahrhundert angeworben wurden, stellte das Leben auf den Niedermoorböden schier unüberwindbare Schwierigkeiten bereit. Dass der Erschließung des Moores eine planmäßige Besiedelung zugrunde liegt, zeigen schon die Moorhufendörfer. Parallel zu den Entwässerungskanälen, die das Moor durchziehen, verlaufen die Straßen, entlang derer jeder Siedlerfamilie ein Grund von neun Tagwerk zugewiesen wurde, der im rechten Winkel zur Straße verlief. So erklärt sich die bis heute streifenförmig parzellierte Flur. Da der Torfboden einen Mangel an pflanzenverfügbarem Stickstoff, an Kalium und Phosphat aufweist, blieben die Erträge hinter den Bedürfnissen einer Familie zurück, sodass die Donaumoosler, auch wegen des geringen Grundbesitzes, rasch verarmten. Die ständig erforderlichen Ausbesserungsmaßnahmen an Wohnhaus und Stallungen – das Bauen auf Fundamenten konnten sich die wenigsten leisten, sodass es zu Rissen in den Wänden, schiefen Böden oder geschwungenen Dachfirsten kam, was die original ab- und wieder aufgebauten Museumshäuser eindrucksvoll dokumentieren – bedeuteten zusätzliche Ausgaben. Krankheiten und Verelendung führten zu einer hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie zu einer geringen Lebenserwartung. Die Lebensbedingungen verbesserten sich erst, als mit dem Einsatz von Mineraldünger der Nährstoffgehalt der Böden verbessert werden konnte und in der Moorversuchsanstalt in Karlshuld speziell an die Bedingungen im Donaumoos angepasste Kartoffel- und Getreidezüchtungen ermöglicht wurden.

 Bauliche Auswirkungen der Bodensackung

Bauliche Auswirkungen der Bodensackung

Den letzten thematischen Aspekt der Fahrt bildete die Aufgabe, ein zukunftsfähiges Konzept für die Region „Donaumoos“ zu entwickeln. In Kleingruppen wurden also zunächst die Belange verschiedener Interessensgruppen wie Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Gewerbe und Tourismus diskutiert und im Anschluss Ideen für konkrete Projektvorschläge gesammelt. So muss ein Ziel sein, den Torfschwund aufzuhalten oder sogar ein Wachstum des Niedermoorbodens zu erreichen. Denn nur dies gewährleistet langfristig die Möglichkeit der landwirtschaftlichen Nutzung sowie einen verbesserten Hochwasserschutz, da Moorböden Wasser wie ein Schwamm festhalten. Dazu ist eine Einschränkung der intensiven ackerbaulichen Landwirtschaft hin zu einer extensiven, auf Weidewirtschaft basierenden Landwirtschaft nötig. Hierbei könnte Gras auch zum Vergären in einer Biogasanlage verwendet werden. Ein weiteres Standbein könnte der Ausbau von Naherholungsangeboten und Tourismus darstellen. So bietet das Moor Lebensraum für gefährdete Tier- und Pflanzenarten, die beispielsweise bei Wanderungen und Radtouren erkundet werden können. Eine verbesserte Anbindung an die überregionale Verkehrsinfrastruktur würde günstigere Ausgangsbedingungen für die Ansiedlung von Gewerbe bieten.

Am Ende dieses Tages konnte die Ausgangsthese der Fahrt, nämlich dass sich ein Raum auf der Grundlage seiner natürlichen Voraussetzungen entwickelt, durch eine Vielzahl an konkreten Beobachtungen bestätigt werden. Da auch das Wetter ein Einsehen hatte und für die Dauer der Exkursion eine Regenpause eingelegt hatte, waren weder auf Schüler- noch auf Lehrerseite personelle Verluste zu verzeichnen, sodass die im Museum ausgestellte Moorleiche wohl weiterhin ein einsames Dasein fristen muss.

 Gruppenfoto

 

Bernadette Zehender