Die Inszenierung der „Iphigenie auf Tauris“

im Theater Ingolstadt

Goethes Werk „Iphigenie auf Tauris“ ist ein typisches Drama der Weimarer Klassik. Da wir, der Q11-Deutschkurs von Frau Uhl-Schiller, uns im Unterricht mit dieser Epoche intensiv auseinandersetzten, lasen und analysierten wir auch dieses Drama.

Thoas bei der Rückkehr von der SchlachtEs handelt von Iphigenie, die aus dem Tantalidengeschlecht stammt und auf der Insel Tauris, von Diana vor dem Tode gerettet, gefangen ist. Iphigenie befindet sich in dem Konflikt, ob sie Thoas, den König von Tauris, heiraten und sich dadurch ewig an die Insel binden soll oder ob sie mit Orest, ihrem Bruder, der auf Tauris nach einem Bildnis sucht, um von einem Fluch befreit zu werden, nach Griechenland zurückkehren kann. Sie weiß zunächst nicht, wie sie sich entscheiden soll, setzt schließlich auf die Menschlichkeit des Thoas und erreicht so am Ende die Lösung aller Konflikte und die Rückkehr in ihre Heimat.

Glücklicherweise inszenierte das Theater Ingolstadt dieses Schauspiel in der aktuellen Spielzeit, sodass uns im November 2009 die Gelegenheit geboten wurde, eine Aufführung der „Iphigenie auf Tauris" als Ergänzung zum Unterricht zu besuchen und so den Dramentext nicht nur zu lesen, sondern in einer Theateraufführung tatsächlich zu erleben.

Die Inszenierung wurde im Kleinen Haus dargeboten, welches nur eine schlichte Bühne und einen Zuschauerraum mit 80 Plätzen besitzt. Dadurch entstand eine intime Atmosphäre, die für das intensive Verständnis der Handlung sehr förderlich war. Die Bühne bestand nur aus einem weißen Kasten, der auf der Vorderseite, während der Eröffnung der Handlung, aufgeklappt wurde. Die darin angedeutete weiße Kammer lässt sich keinem bestimmten Ort im Drama zuordnen. Deshalb konnte dieses Bühnenbild sehr vielfältig und somit effektiv zur Veranschaulichung der inneren Handlung der Charaktere genutzt werden. Als z. B. Thoas Iphigenie zur gemeinsamen Heirat bewegen will, sucht sie einen Ausweg und läuft deshalb von einer Ecke in die andere und gestaltet so dramaturgisch eindrucksvoll ihre inneren Nöte.

Iphigenie und Orest

Vier Parzen, die komplett weiß gekleidet sind und später die Rollen von Orest, Pylades, Arkas und Thoas übernehmen, eröffnen das Drama, indem sie das Spielzeitmotto „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, welches aus Goethes Gedicht „Das Göttliche“ stammt, an die Außenwand des weißen Kastens schreiben. Im weiteren Verlauf des Dramas wird jedoch deutlich, dass zwischen der Aussage dieses Mottos und seiner Verwirklichung eine Diskrepanz vorliegt, die sich erst am Ende des Werks auflöst.

Der drohende ZweikampfDanach tragen sie das Parzenlied vor, das von Goethe erst im vierten Akt vorgesehen ist, und wirken dabei, passend zur Thematik dieses Gedichtes, sehr bedrohlich gegenüber dem Publikum. Dies ist aber problematisch, da nun von vornherein ein negatives Götterbild existiert, wodurch die kontrastierenden Götterbilder der verschiedenen Figuren im Verlauf der Handlung nicht so deutlich wahrgenommen werden können.

Auch zu kritisieren ist, dass Orest trotz seiner Todessehnsucht im dritten Akt Iphigenie begehrt. Das kann man aber unserer Meinung nach mit dem Streben des Theater Ingolstadts nach einer oft effekthascherischen bis fast obszönen Spielweise begründen.

Des Weiteren fanden wir es irritierend, dass die Protagonisten statt Schwertern Pistolen besitzen, was zwar ansprechender und bedrohlicher wirkt, jedoch nicht zum Text und dem zeitlichen Bezug passt.

Gelungen ist der Regieeinfall, die Auflösung der Katastrophe durch ein Mikrofon zu verkünden. Dadurch gelingt es dem Regisseur, dieser Szene mehr aktuellen Bezug zu verleihen und eine Atmosphäre ähnlich einer Oscarverleihung zu schaffen, als Iphigenie ihre Freiheit wie eine Trophäe erhält. Thoas reagiert in der Inszenierung sehr viel resignierter als im Originaltext, wodurch seine Einstellung als verbitterte Resignation missverstanden werden kann.

Orest vor der AbreiseAls Iphigenie am Ende des Dramas nach Griechenland zurückkehren darf, ist sie aber im weißen Kasten gefangen. Dies richtet den Fokus auf sie und betont die aufgrund ihrer edlen Einstellung entstandenen Gewissensbisse, die Thoas nicht die Verliererrolle zumuten möchten. Vielleicht soll dieser nun wieder geschlossene Kasten auch den utopischen Ansatz und die Zweifel an seiner Realisierbarkeit zum Ausdruck bringen.

Im Großen und Ganzen sind wir der Auffassung, dass die Inszenierung zwar einige gute und veranschaulichende dramaturgische Gestaltungsmittel einbaut, jedoch auch dadurch der Handlung problematische Akzente verleiht und damit den Inhalt verzerrt. Hervorzuheben ist, dass durch die exzellente Darstellung der Schauspieler der ästhetische fünfhebige Jambus für uns als Zuschauer besser verständlich ist als beim ausschließlichen Lesen des Dramas. Insgesamt hat uns diese Theateraufführung und auch die Diskussion über die Inszenierung Goethes Iphigenie näher gebracht und uns weitere Horizonte geöffnet.

 

Stefan Obermeier und Lukas Kopp, Q11