Bauen und Präsentieren von Standbildern

im Literaturunterricht

Bei der Besprechung des Dramas "Faust I" von Johann Wolfgang von Goethe steht die Gretchen-Handlung im Zentrum. Zum Verständnis der sich wandelnden Beziehung zwischen Faust und Gretchen analysierten die Schüler des Deutschkurses Q11/1 arbeitsteilig verschiedene Szenen und drückten anschließend das im Text gefundene Verhältnis zwischen Faust und Gretchen in einem Standbild aus.

Der "Regisseur" arrangiert seine Mitschüler zu der von ihm gewünschten Haltung.

Ein  Standbild  ist  eine  darstellende  Methode,  die  es  ermöglicht,  die  Sichtweise  zu einem Problem oder zu einem Thema einmal anders auszudrücken als mit Worten. Das  Standbild  gibt  in  eingefrorener  Form  die  Gefühle  und  Beziehungen  der handelnden Personen zueinander wieder.

Die Arbeitsschritte laufen folgendermaßen ab:

1.  Ein  Regisseur,  den  die  Gruppe  festgelegt  hat,  modelliert  dabei  aus  den Körpern seiner MitschülerInnen ein Standbild.

2.  Diese nehmen die ihnen zugewiesene Haltung ein, einschließlich Mimik und Gestik. Das Ganze geschieht nonverbal.

3.  Ist das Bild vollendet, erstarren alle Beteiligten für 30 Sekunden, fühlen sich ein  und  geben  der  beobachtenden  Klasse  Gelegenheit,  das  Bild  auf  sich wirken zu lassen.

4.  Anschließend beschreiben die Beobachter das Bild, dann gibt der Regisseur seine Interpretation dazu. Gemeinsam kann das Bild korrigiert und verbessert werden.

Gretchens abwehrende Haltung und Fausts skrupelloses Vorgehen zeigen sich in der Szene "Straße".

In der Parallelszene "Abend" bringen beide ihre gewandelte Einstellung zum Ausdruck: Gretchen träumt und ist sichtlich von Faust beeindruckt, Faust denkt über sein forsches Vorgehen nach und bekommt Skrupel deswegen.

In "Spaziergang" und "Der Nachbarin Haus" sinnt Gretchen über den von Faust geschenkten Schmuck nach, während sein demütiges Werben in dieser Haltung zum Ausdruck kommt.

Fausts Werben setzt sich in der Szene "Garten" fort, Gretchens schwankende Haltung zeigt sich in ihrer Körpersprache:  Zwar wendet sie vordergründig  den Oberkörper ab, doch geht ihre Standposition in Fausts Richtung.

Schließlich finden beide in der Szene "Ein Gartenhäuschen" endgültig und ohne Vorbehalte zueinander.

Die Vorteile dieser Methode sind offensichtlich. Sie ermöglicht

•  einen sensibilisierenden, individualisierenden Zugang zu Texten/Problemstellungen

•  Visualisierung von Gedanken

•  eine Alternative zu verbaler Kommunikation

•  eine Förderung des Gruppenklimas

• der  Fantasie als gestaltendem und produktiv-analytischem Lernverfahren freie Entfaltung.

Idealerweise stellt sie eine Kombination des kognitiven, affektiven und  motorischen Bereiches  dar, weshalb auch die Schüler dieses Deutschkurses mit sichtlicher Freude ihre Interpretationen zum Ausdruck brachten. Eine Verlebendigung des Textgeschehens wurde so auf jeden Fall geleistet und möglicherweise konnten durch diesen Zugang auch exemplarische Grundbedingungen für das Textverständnis geschaffen werden.

                                                                                                                           Ingeborg Uhl-Schiller