(Auch) nach über 200 Jahren nichts an Faszination verloren

Lesung am Willibald-Gymnasium zum „Schillerjahr“

Welche Kraft literarische Texte ausüben, wenn sie einfühlsam vorgetragen werden, erfuhr die Mittel- und Oberstufe des Willibald-Gymnasiums. Anlässlich des „Schillerjahres“ – der Dichter wurde vor 250 Jahren geboren – vermittelte der Schauspieler Walter Frei aus Ulm bei zwei Lesungen die Faszination, die immer noch von den Werken Friedrich Schillers ausgeht.

Im Gedicht „Die Teilung der Welt“ geht es um das Selbstverständnis von Dichtern. Nicht ohne Selbstironie lässt Schiller den Schriftsteller den Termin verpennen, den Zeus dazu bestimmt hat, um alle Güter der Welt aufzuteilen. Für den Schriftsteller, der erst ankommt, als all irdischer Besitz schon vergeben ist, bleibt sozusagen als „Trostpreis“ nur noch die überirdische Nähe zu Gott Zeus.

Lesung im Musiksaal

Die Schüler wurden in die Lesung mit einbezogen, als Frei dann Rätsel vortrug, mit denen Turandot (Schiller hatte die Übersetzung aus dem Italienischen besorgt) ihre zahlreichen Freier abwehren und zu Tode bringen will. Zur Überraschung des Referenten konnten die Schüler jedoch alle Symbole entschlüsseln.

Die Anekdote „Fürstenblut für Ochsenblut“ warf ein kurzes Schlaglicht auf den Historiker Schiller. Die „Kammerdienerszene“ aus „Kabale und Liebe,“ in der thematisiert wird, wie der mächtige Fürst den Schmuck für seine Geliebte mit dem Verkauf von jungen Untertanen als Söldner nach Amerika finanziert, löste bei den Schülern fast schon Beklemmung aus.

In der Kunst des aufmerksamen Zuhörens mussten sich die Schüler der Oberstufe üben, als Frei das erste Drittel der Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ vortrug. Dabei verstand es der Referent, die feine psychologische Skizzierung des jugendlichen Täters durch Schiller so vorzutragen, dass klar wurde, wie die persönliche Entwicklung eines Menschen damals und heute durch sein soziales Umfeld geprägt wird.

Die beiden folgenden Texte beschäftigten sich mit Autoren, die Schillers Gedankengut zur Grundlage eigener Texte machten. In Anspielung auf die Forderung des Marquis von Posa (zentrale Figur in „Don Carlos“)„Geben Sie Gedankenfreiheit,“ räsonniert Anton Kuh in seiner Satire „Posa antichambriert“ darüber, was wohl passiert wäre, wenn dieser – wie es damals eigentlich üblich war – im Vorzimmer hätte warten müssen und die Zeit gehabt hätte, alle möglichen Folgen seines Auftretens in Gedanken nochmals durchzuspielen.

Moritz Gottlieb Saphir schließlich  beschreibt in „Der Deklamator und die Fliege“ einen angehenden Schauspieler, der vor einem großen Theaterkritiker Wallensteins Monolog vorsprechen will und dabei immer wieder von einer Fliege gestört wird, so dass die Worte Wallensteins durch die lästige Anhänglichkeit des Insekts eine völlig neue Dimension bekommen.

Die beiden Lesungen machten den Schülern des Willibald-Gymnasiums auf für sie überraschende Weise deutlich, wie sehr ein literarischer Text, der immerhin mehr als 200 Jahre auf dem Buckel hat, an Aktualität gewinnt und Spannung erzeugt, wenn er nur gekonnt vorgetragen wird. Wie sehr die meisten Schüler den Vortrag schätzten, bewies stellvertretend David Pfaller aus der 10c, der spontan nach der Lesung fragte: „Und wann machen wir das Gleiche mit Goethe?“ Referent Walter Frei selbst betrachtete das hoch konzentrierte Lauschen der Schüler „als das höchste Kompliment, das man ihm hätte machen können.“

Johann Kraus

 

Walter Frei

 

Bericht über die Schiller-Lesung am 16.12.2009

aus der Sicht einer Schülerin der Q11

2009 – vor 250 Jahren wurde Friedrich Schiller geboren. Zu Ehren des großen deutschen Dichters der Weimarer Klassik hat sich auch das Willibald-Gymnasium etwas Besonderes einfallen lassen. Herr Walter Frei, ein leidenschaftlicher Schiller-Rezitator, gab den 9. und 10. Klassen und der 11.-13. Jahrgangsstufe in einer jeweils zweistündigen Veranstaltung eine Möglichkeit zur Vertiefung des Wissens über Schillers Werk.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Kraus begann der Gast mit dem ersten Teil seiner Lesung: Herr Frei las aus Schillers „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ vor, einer Erzählung, die ein Vorreiter des heutigen Kriminalromans ist. Zuvor gab er einen kurzen Einstieg in die Thematik und berichtete den Schülern, dass es in der Erzählung um die soziale und persönliche Entwicklung eines jungen Menschen geht. Diese brachte Herr Frei in seiner Lesung sehr eindrucksvoll zum Ausdruck, was den Schülern verdeutlichte, wie der Protagonist, Christian Wolf, von seinem sozialen Umfeld in die Kriminalität getrieben wurde. Frau Uhl-Schillers Deutschkurs der 11. Jahrgangsstufe hatte zwar diesen Text zuvor schon im Unterricht behandelt, für die meisten war es aber trotzdem oder gerade deshalb umso faszinierender, wie Herr Frei den Text zum Leben und den Zuschauern "rübergebracht" hat.

Anschließend sollte der Bereich „Schiller“ gleichzeitig verlassen und beibehalten werden, indem Texte vorgelesen wurden, die sich mit Werken Schillers aus der Sicht von Zeitgenossen des Dichters beschäftigten.

Zuerst trug Herr Frei Anton Kuhs Satire „Posa antichambriert“ („antichambre“ = Vorzimmer, in dem man früher warten musste, bevor man mit wichtigen Leuten sprach) vor, in der der Feuilletonist darüber philosophiert, was wohl passiert wäre, wenn es in Schillers Werk „Don Carlos“ ein Vorzimmer gegeben hätte, in dem der Marquis von Posa hätte warten müssen, bevor er gefordert hätte „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Dann nämlich hätte er in den Stunden, die er dort abgesessen hätte, seinen Wunsch sicher noch einmal überlegt, sein Mut hätte ihn wohl immer mehr verlassen, bis er wahrscheinlich seine Absicht sogar ganz über Bord geworfen hätte.

Im letzten Teil der Veranstaltung ging es um den berühmten Vorahnungsmonolog der 4. Szene im I. Akt in Schillers Drama „Wallensteins Tod“, in dem der Protagonist glaubt zu wissen, dass er im Kampf sterben wird. Moritz Gottlieb Saphir, der von 1795 bis 1858 lebte, hatte diese Worte in seiner Prosaskizze „Der Deklamator und die Fliege“ einem jungen Schauspieler in den Mund gelegt, der einen Theaterkritiker von seinem Talent überzeugen wollte. Zum Pech des Schauspielers hat es sich aber eine Fliege zur Aufgabe gemacht, ihn daran zu hindern. Gekonnt spielte Herr Frei mit seiner Mimik und Gestik, um die Anstrengungen des Redners, mit dem Insekt fertig zu werden, zur Schau zu stellen. Da am Schluss die Fliege stirbt, gilt laut Herrn Frei die Lehre: Setz dich nie einem Deklamator auf die Nase!

Nach der Veranstaltung waren sich alle einig: Walter Frei braucht kein Mikrophon, um selbst jungen Menschen Geschichten nah zu bringen, die weit vor ihrer Zeit geschrieben wurden. Hut ab für diesen gelungenen Vortrag!

 

Karolina Heer,Q11